Die Börsen schnuppern Mailuft – muss uns das beunruhigen?

Im Mai soll man Aktien verkaufen, meint ein Sprichwort. Stimmt das?

„Sell in May and go away“ heißt eine alte Börsenweisheit. Man soll also im Mai Aktien verkaufen und sich seiner Gewinne erfreuen. In diesem Jahr scheinen tatsächlich viele Anleger diesem fragwürdigen Rat gefolgt zu sein. Jedenfalls gaben die Kurse der großen Indizes Anfang Mai kräftig nach.

Nehmen wir als Beispiel den DAX. Am Dienstag rutschte er unter die 15.000er Marke. Tags darauf erholte er sich jedoch schnell wieder. Ähnliche V-Formationen finden sich auch in den Verläufen der amerikanischen und anderer Indizes. Was bedeutet das für uns Anleger? Ist es der Beginn einer größeren Korrektur?

Stimmung in der Wirtschaft ist positiv

Zunächst erscheint das Nachgeben der Aktienkurse zum jetzigen Zeitpunkt unlogisch. Die Unternehmen der Industrie melden für das erste Quartal anziehende Geschäftszahlen. Die Impfkampagne läuft in den USA hervorragend. Auch in Deutschland gibt es hoffnungsvolle Signale wie sinkende Inzidenzwerte und das Zulegen der Impfgeschwindigkeit. Müsste die Börse das nicht feiern?

Nicht unbedingt. An den Kapitalmärkten wird nicht die Gegenwart, sondern die Zukunft gehandelt. Viele der guten Nachrichten wurden in der Dax-Rally der letzten Monate schon eingepreist. Sie haben den Index über die 15.000er Marke getragen. Die Kurse können also im Moment nicht von der hoffnungsvollen Stimmung in der Wirtschaft profitieren.

Was geschieht in der zweiten Jahreshälfte?

Stattdessen stellen sich nun andere Fragen: Was passiert nach der Pandemie? Wie geht es z.B. für den Online-Handel weiter, wenn wieder alle Geschäfte geöffnet haben? Wie werden sich die Reisekonzerne entwickeln? Kommt es zu einem Einbruch bei Geschäftsreisen? Einige Dax-Konzerne haben in einer Umfrage angegeben, bis zu 70 Prozent ihrer Flugkosten aus der Vor-Corona-Zeit dauerhaft einsparen zu wollen.

So viele Aktionäre wie seit 20 Jahren nicht mehr

Hinzu kommt ein anderer Effekt. Seit Beginn der Pandemie sind außergewöhnlich viele neue Anleger in den Handel mit Aktien, Zertifikaten und ETFs eingestiegen. Während vor 2020 etwa 10 Millionen Deutsche in Wertpapieren investiert waren, sind laut diesem Bericht seit dem vergangenen März 25 Prozent hinzugekommen.

Besonders die Altersgruppe der Unter-30-Jährigen entdeckt die Aktie als Vermögensanlage – und natürlich als Spekulationsobjekt. Der Anteil von Anlegern mit geringerem Einkommen nimmt zu. Deuten sich nun Signale für sinkende Kurse an den Börsen an, dann kommt es zu einer überdurchschnittlich hohen Verkaufsaktivität. Nervosität wird sichtbar.

Auf der einen Seite ist es begrüßenswert, dass viele Sparer die Aktie für sich entdecken. Andererseits bringt dies auch eine erhöhte Volatilität mit sich.

Wie am besten auf die Maiflaute reagieren?

Mit Ruhe und Gelassenheit. Kurzfristige Rücksetzer – gerade im Mai – sind nichts ungewöhnliches. Wie der gestrige Tag gezeigt hat, ist der DAX stabil genug, um die 15.000 Punkte schnell zurück zu erobern.

Wenn man sein Depot sehr in die Richtung von Pandemiegewinnern wie E-Commerce und Techgiganten gewichtet hat, könnte man überlegen, etwas stärker in klassische Industriewerte oder auch Medizintechnik zu gehen. Auch im Sektor Freizeit und Tourismus sollte es gute Chancen geben. Insgesamt sind die Aussichten für die zweite Jahreshälfte 2021 positiv.

Wenn man die oben zitierte Börsenweisheit im Ganzen liest, dann enthält sie noch einen guten Tipp: „Sell in May and go away. But remember to come back in September“, heißt es da.

Wer schreibt hier?

Oliver Drägert
Ich bin der Gründer von Depotscanner.de. Seit den Neunzigerjahren fasziniert mich die Börsenwelt. Mein Motto: Die beste Zeit zum Investieren ist genau jetzt - es gibt immer Chancen. Außerdem entwickle ich gern Websites. Nimm einfach Kontakt mit mir auf, falls du Fragen zu diesem Beitrag oder meinem Finanzblog hast.
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